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Aufbau und Besiedlung der neuen Stadt

Die Rüthener Stadtviertel (Bauernschaften)
Rüthener Bauernschaften

Die neue Stadt wurde - als Einzelstadt „aus wilder Wurzel" hervorgegangen - von vornherein planmäßig angelegt.

Der Umriß der Stadt stellt, bedingt durch das natürliche Gelände, eine unregelmäßige Fläche, etwa die Gestalt eines Halbmondes ähnelnd, dar. Die in Erscheinung tretende Regelmäßigkeit im Straßennetz, die sogenannte Gitterform - damit bezeichnet man mehrere sich rechtwinklig kreuzende Straßen - besagt, daß bei der Anlage der Stadt nach einer gewissen Planmäßigkeit vorgegangen wurde. Der Anlageplan ist einmal aus dem Aneinanderreihen von rechteckigen Hausplätzen (Solstätten), alle von gleicher Größe, je vierzig ar groß (Sesgard oder alter Rüthener Morgen), zum anderen aus der Richtung der Straßenzüge ersichtlich. Alle Hauptstraßen haben Westost- oder Nordsüdrichtung, eine alte sächsisch-germanische Siedlungseigentümlichkeit.

Diese ursprüngliche Planmäßigkeit, das Gleichmäßige im Straßennetz, ist im Laufe der Zeit nur wenig verwischt worden, schon früh in der oberen Stadt durch den Bau der St.-Nikolaus-Kirche, in späterer Zeit durch die Bebauung freier Flächen an der Stadtmauer innerhalb der Stadt.

Nebenstraßen, Querstraßen (Gassen) werden anfangs auch schon angelegt woden sein, entstanden im übrigen aber erst nach und nach. Ihr Zweck war, in gefahrvollen Zeiten die „Lärmplätze" (Alarmplätze) an der Stadtmauer schnellstens erreichen zu können.

Zuerst wurde der westliche Teil, die sogenannte untere Stadt, angelegt. Das Straßennetz zeigt hier Leiterform: zwei Längsstraßen mit einigen Querstraßen. In diesem ersten Bauabschnitt ist auch die erste Kirche Rüthens, die St. - Johannes - Kirche, erbaut worden, welche daher auch die Mutterkirche war. Ein schnelles Anwachsen der Stadt mag wohl die Entwicklung der oberen Stadt begründet haben, die sich der unteren Stadt nach Osten hin anschloß. Auch hier hatte das Straßennetz in seiner ursprünglichen Planung Leiterform, ist aber dann den Besiedlungsbedürfnissen entsprechend, schon bald abgeändert worden.

Dieser Gesamtaufbau ist ursprünglich. Daher bildete sich in der Mitte dieser gesamten Anlage auch das politische, wirtschaftliche und das in der damaligen Zeit auch schon bedeutungsvolle gesellige Zentrum aus. Für diesen Zweck wurde nachweislich in der Mitte der Stadt das sogenannte Theatrum, das Spielhaus, errichtet.

Dieses war auch zugleich Gewandhaus, weshalb hier auch der Marktplatz entstand. Das Spielhaus diente auch den damals noch nicht allzu umfangreichen Verwaltungszwecken. Erst um 1350 wurde es in erster Linie zum Rathaus.

Um die Bewohner der neuen Stadt und ihre weitere Entwicklung zu sichern, wurde die Anlage sofort befestigt, wenngleich anfänglich nur durch Wall und Graben mit Pallisadenkrönung.

Nach dieser planmäßigen Anlage der neuen Stadt erfolgte ihre Besiedlung vermehrt durch den Zuzug von außen. Als erste schlossen die Bewohner von vier benachbarten alten Dorfschaften ringsum mit den Stadtherren einen Vertrag zwecks Übersiedlung in die neue Stadt. Sie brachen ihre Gehöfte auf dem Lande ab, zogen in die Stadt und bauten diese auf den ihnen zugewiesenen Solstätten wieder auf.

Schneringhusen und Evinghusen aus dem Möhnetal siedelten sich in der unteren Stadt zuerst an, letztere Dorfschaft im Norden, erstere im Süden. Fast gleichzeitig schlossen sich an: Haderinghusen aus dem Möhnetal und Meeste aus dem oberen Risneital. Ihre Solstätten in der Stadt erhielten diese Dörfer dort, wo sie ihren Feldern und Fluren am nächsten waren. Auch im städtischen Raum bildeten sie voneinander getrennte Bezirke, ebenfalls Bauerschaften (burscopen) genannt. Im übrigen behielten sie ihre wirtschaftliche Selbständigkeit vorläufig bei.

So wurde Evinghusen die Grundlage für die Niedere, Schneringhusen für die Schneringer, Haderinghusen für die Mittlere und Meeste für die Oestere Bauerschaft, die späteren 4 Stadtquartale Rüthens.

Bei der Abwanderung dieser vier Bauerschaften verblieb es jedoch nicht. Schon bald folgten ihrem Beispiele noch verschiedene andere. Es gingen auf in der niederen Bauerschaft Elwardeshusen und Kortzelinghusen, in der Schneringer Bauerschaft Bosinghusen, in der Mittleren Bauerschaft Wulmeringhusen nebst Teilen von Ettinghusen und Ölinghusen, in der Oesteren Bauerschaft ebenfalls andere Teile von Ettinghusen und Ölinghusen. Lediglich die Haupthöfe der beiden letzten Orte blieben bestehen (Schüttenhöfe).

Auch Brunwardinghusen zog in die neue Stadt und ließ sich wahrscheinlich in der Oesteren Bauerschaft nieder. Während alle anderen erwähnten Dörfer ihre Fluren beibehielten, wurden die Fluren von Brunwardinghusen gemeinschaftlicher Besitz.

Bis 1200 war der grundlegende Gedanke, das Gebiet von Brunwardinghusen mit dem angrenzenden Dorfschaften Hevinhusen, Schneringhusen, Haderinghusen und Meeste zu vereinigen. So lag die neue Stadt quasi in der Mitte als gemeinsamer Wohnbezirk.

Der kontinuierliche Zuzug aus der Umgebung war, soweit er die Landwirtschaft betraf, um 1300 abgeschlossen.

Die neue Stadt erhielt eigenes Stadtrecht, d.h., es wurde nicht einfach ein bestimmtes Stadtrecht, wie z.B. das Soester Stadtrecht übernommen, verliehen wurde vielmehr allgemein solche Rechte und Freiheiten, wie auch die Stadt Soest und andere Gemeinwesen des Kölner Erzbistums sie hatten. Die neue Stadt erhielt so das Recht, sich wie eine Stadt zu verwalten und zu betätigen. Anfänglich grundherrschaftlich verwaltet, war also zunächst für das neue Gemeinwesen noch grundlegend das 1178 dem Haupthof in Brunwardinghusen verliehene Hofesrecht. Erzbischof Adolf bemerkte in der Urkunde von 1200 ausdrücklich, daß er allein das Recht habe, in der neuen Stadt einen „Schultetus" anzustellen. Er wollte damit sagen, daß sein jetzt in der Stadt wohnender Hauptschulte von Brunwardinghusen bzw. dessen Nachfolger die neue Stadt vor der Hand leiten und lenken sollte. Je mehr sie sich nun entwickelte, um so mehr aber kamen neue Rechte und Rechtsgrundsätze im städt. Sinne auf. Was an solchen Rechten nach 1200 vorhanden war, ist im Stadtrechtsbuch (Statuar) von 1230 nach und nach zusammengetragen worden.

Die Urkunde vom 29. September 1200 ist als die eigentliche Gründungsurkunde zu betrachten.

Durch die Verleihung des Stadtrechtes war die neue Gründung zu einem urban geordneten Gemeinwesen (civitas) der Zeit geworden. Die einzelnen Mitglieder hießen Bürger; es waren die Städter im Gegensatz zu den Landleuten, welche unter anderem Recht standen.